03.05.15

Apple – Call-Selling-Opportunity?

 

Sell in May – ein Thema für Apple? Das Konglomerat hat exzellente Quartalszahlen präsentiert. Die iPhones sind immer noch Kassenschlager in China. Jetzt wurde in Kooperation mit IBM und der japanischen Post ein speziell für Ältere ausgestattetes Modell auf den Markt gebracht. Zugegeben: Genialer Deal. Auch der Trend hin zu Kleidungs-Accessoires könnte dem Unternehmen zukünftig durchaus stabile oder gar wachsende Erträge generieren.

Das Unternehmen hat sich jedoch ganz offensichtlich von einem »Growth-« in »Value-Unternehmen« verwandelt. Seit letztem Jahr schüttet es eine Dividende aus (0,52 $ pro Aktie und Quartal). In der vergangenen Woche wurde eine Ausweitung des Aktienrückkaufprogramms auf 140 Mrd. $ pro Jahr beschlossen. Die Ausschüttungen werden über die Ausgabe von Anleihen finanziert.

Das Betriebskapital von Apple ruht derweil unversteuert in Steueroasen. Man hofft auf eine Gesetzesänderung nach den US-Wahlen, die einer Steueramnestie für die Auslandsvermögen der US-Multis gleichkommt und betreibt hierfür bereits fleißig Lobbyarbeit. Wegen seiner Steuervermeidungsstrategie ist das Unternehmen im Fokus der EU-Kommission. Apple warnte seine Aktionäre bereits, dass man Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen bilden müsse – und dass im Falle einer regulären Versteuerung der europäischen Erträge ein signifikanter Ergebnisrückgang unvermeidlich sein würde.

Abbildung: Tageschart der Apple mit MACD-Indikator und KaMA (gleitender Durchschnitt) sowie eines möglichen Optionstrades

Ein Blick auf den Chart bestätigt den kritischen Ausblick. Der Wert ist seit November 2014 um 30 $ pro Aktie teurer geworden. Dieser Preisanstieg wurde durch den MACD-Indikator zunächst gestützt. Seit März stagniert der Aktienpreis. Erst zur Präsentation der Jahresergebnisse erklomm die Aktie nochmals ihren Jahreshöchststand. Dieser Preisanstieg wurde vom MACD in keiner Weise nachvollzogen. Unmittelbar nach der Ergebnispräsentation setzten konsequenterweise Verkäufe ein, die den Wert bis an die untere Begrenzung der kurzfristigen Tradingrange führten. Am Freitag erholte sich der Wert ein wenig.

Der Optionshandel mit der Apple-Aktie ist nicht sonderlich attraktiv. Die zu vereinnahmenden Prämien sind gering. Für einen Blue-Chip ist der Optionshandel zudem recht illiquid. Man muss auf eine Laufzeit von 74 Tagen ausweichen, bevor die eingenommene Prämie so groß ist, dass ein weiteres Pendeln innerhalb der Trading-Range zu keinem Verlust führt.

Da der Basistrend intakt ist, könnten wir auch einfach warten, bis die Notierungen wieder »oben« angelangt sind und dann den Call platzieren. In diesem Fall könnte die Laufzeit der Option risikolos verringert werden.
Für eine risikoaverse Optionsstrategie ist für den Fall einer Einbuchung ein effektiver Verkaufspreise oberhalb der Grenzen der aktuellen Tradingrange essentiell.

Ein Blick auf den Monatschart der Aktie zeigt neben einem stabilen Basistrend insbesondere im Mai stagnierende Notierungen geprägt. Das stützt die Trading-Idee.

20.02.14

Dividenden - Das Allheilmittel?!

Sucht man im Internet gezielt nach Dividendendepots, mit dem Ziel nach Orientierung bei der Gestaltung des eigenen Portfolios, wird man im Anschluss an die Eingabe gezielter Schlagwörter in bekannte Suchmaschinen schnell fündig. Man gelangt zu etlichen (Rang)Listen, welche die unzähligen Dividendentitel nach einschlägigen Kennzahlen vergleichen. Die Namen der Blogs, in dem der Autor sein Dividendendepot preisgibt, sind entgegen der Titel im Portfolio, äußerst phantasievoll und kreativ gewählt. Dividend Mantra, Dividend Growth Machine und Dividend Hawk fallen zuallererst durch den Namen auf. Doch die Frage ist, was steckt dahinter?

Dividendentitel dienen dem Anteilseigner einem Zweck: Die regelmäßige und möglichst steigende Ausschüttung von Dividenden. Je nach Domizil des Unternehmen wird die Dividende jährlich, halbjährlich oder quartalsweise gezahlt. In Einzelfällen erhält der Anteilseigner eine monatliche Ausschüttung, z. B. bei (US-notierten) Immobilienunternehmen oder auch REITs (Real-Estate-Investment-Trusts) genannt. Die Idee aus Sicht des Dividendi: Geht man von einer stetig steigenden Dividendenrendite des Unternehmens aus, steigen die Ausschüttungen auch bei fallenden Kursen oder länger andauernden Seitwärts Phasen. Das bedeutet, auch bei stagnierenden oder seitwärts verlaufenden Märkten tut sich Freude beim Anleger durch die stetige Ausschüttung und prozentual betrachtet, steigenden Dividendenrendite auf. 

Schaut man sich die unzähligen Dividendendepots einmal genauer an, findet man schnell eine Übereinstimmung bei der Titelauswahl: Coca-Cola, McDonalds, Johnson & Johnson, Wal-Mart, Exxon Mobil, Royal Dutch Shell, British American Tobacco und Münchener Rück sind nur einige der Unternehmen, die bei einem Vergleich der vielen Depots durch Ambivalenz ins Auge fallen. Die Auswahl der Unternehmen wird anhand von relevanten Kennzahlen wie Cash-Flow, Ausschüttungsquote, Anzahl der folgenden und vergangenen Jahre, in der die Dividende gezahlt und gesteigert wurde und natürlich der Dividendenrendite selbst, festgemacht.

Doch bringen diese, meist US- und angelsächsisch domizilierten Blue-Chips dem Anleger außer der Dividende einen wirklichen Mehrwert gegenüber Growth-Titeln oder ihren Vergleichsindex?
Die Frage ist (wie so häufig), was will der Anleger. Hohes Wachstum in der Unternehmenssubstanz oder die Veröffentlichung innovativer, der Kurssteigerung dienlicher Produkte, kann man hier sicherlich, aufgrund der Unternehmensgröße und der dadurch zugrunde liegenden Unbeweglichkeit, nicht erwarten. Dafür jedoch eine kontinuierlich ansteigende Dividende, die in Seitwärts verlaufenden Märkten zumindest einen Inflationsausgleich bieten, solange die Dividendenrendite > 2% beträgt. In Nordamerika bildet die Strategie der kontinuierlichen Erwirtschaftung von stetig steigenden Ausschüttungen in Form von Dividenden in etlichen Haushalten ein sog. »Dividend Income« oder besser, »Zweites Einkommen«. 

Das Ziel der Verfasser, wenn man der Einleitung der einschlägigen Blogs nähere Betrachtung schenkt: »Financial Freedom«. Und welcher Anleger verfolgt letztendlich dieses Ziel nicht?!

       1-Jahres Chart: DJ U. S. Select Dividend Total Return Index (schwarz) und S&P 500 Preisindex (gelb)

30.10.13

Offizieller Start des 20er-Jahre-Modus

Jetzt ist es amtlich. Die Finanzmärkte zelebrieren den 20er-Jahre-Modus.
Ab dem Jahr 1924 kannten die internationalen Aktienbörsen bekanntlich kein Halten mehr. Die Kurse verfielfachten sich und der Aktienkauf »auf Pump« war eher die Regel denn die Ausnahme.

Hier exemplarisch der Preisverlauf des Dow Jones


Hier zum Vergleich der aktuelle Kursverlauf der US-Standardwerte


Beim Vergleich beider Charts kann man den Aktien selbst auf den aktuellen Preisniveau noch einige Verdopplungsrunden zugestehen. Wie vor 90 Jahren ist allen klar, dass die Aktienpreise durch nichts anderes, als ein vermutetes zukünftiges Kaufinteresse anderer Marktteilnehmer gerechtfertigt sind.

Bei den US-Small-Caps muss man heute vielfach 70 $ für einen einzigen Dollar Gewinn pro Aktie zahlen. Es gibt insbesondere in den USA immer mehr Unternehmen, die gar nicht beabsichtigen, Gewinne auszuweisen (dann müssten sie ja Steuern zahlen), die aber trotzdem auf exorbitante Marktkapitalisierungen aufweisen, Amazon ist ein Paradebeispiel hierfür.

Aktien in Asien sind merkwürdigerweise preiswerter. In Singapore zahlt man durchschnittlich 11 Singapore-Dollar pro Dollar Gewinn. Hier herrschen jedoch scheinbar andere Gesetze. Die Bewertung lokaler Aktienmärkte von Ländern, die stark mit China verbunden sind, leidet unter der inversen Zinsstrukurkurve im Reich der Mitte. Die dortige Notenbank schwingt sich nämlich zum Gegenspieler der FED auf. Während die eine jeden Monat 85 Mrd. $ auf den Markt wirft, zieht die andere über die Geldmärkte Liquidität aus dem Markt heraus. In den USA und den Industrienationen steigen deshalb die Preise für Vermögenswerte, während sie in China und der näheren Umgebung bestenfalls stagnieren.

21.10.13

Das Ende des USD als Weltleitwährung

Wissenschaftler ruhen nicht, bis sie Antworten gefunden haben. Ob sich im Loch-Ness tatsächlich ein Seeungeheurer namens »Nessy« verborgen hält, ist bis heute unklar. Yetis existieren aber tatsächlich in unerschlossenen Teilen des Himalaya. Es gibt neben Fußabdrücken jetzt auch erste gentechnische Analysen organischen Materials.
Was gestern noch Mysterium einer Fabel war, kann heute also bereits Wirklichkeit sein. Das gilt auch für die Sicherheit US-amerikanischer Staatsanleihen. 1995 und 1996 haben US-Republikaner dem damals verhassten Clinton zweimal »den Stecker gezogen« und die Verwaltung lahmgelegt. Von einem Staatsbankrott war damals nie die Rede.
Das ist 2013 anders. Diesmal wurden in den Geschäfts- und Notenbanken rund um den Globus Notfallprogramme ausgearbeitet. Man wollte zeigen, dass man aus den bitteren Erfahrungen 2007/8 gelernt hatte. Dabei wurde überall schnell klar, wie sehr man (noch) auf die absolute Sicherheit von US-Staatsanleihen als ultimalive Referenz angewiesen ist. Die Standardmaßnahme der Notenbanken bei einem US-Default lautet nämlich: Verkaufe kurzlaufende US-Staatsanleihen und kaufe solche mit längerer Laufzeit.
Dahinter stecken zwei Überlegungen: Erstens werden nicht fällige US-Staatsanleihen im Falle eines Bankrotts der USA nicht automatisch in Sippenhaft genommen. Zweitens sind die Risiken eines Ausfalls beliebiger anderer Assets nach einem Default der USA größer, als ausgerechnet langfristige Schuldtitel des Deliquenten.
So hat sich in den letzten Wochen eine weitere absolute Größe, ein Ankerpunkt, in Wohlgefallen aufgelöst. Die Auswirkungen sind mit denen des Zerfalls der Goldbindung und des Regimes fixer Wechselkurse 1971 vergleichbar: Die USA haben aus freien Stücken ihren eigentlichen Faustpfand geopfert, den US-Dollar als Welthandelswährunng.
Zeitgleich mit der Zuspitzung des US-Haushaltsstreits ist zufällig der Yuan in London angekommen. Das britische Pfund und der chinesische Yuan sind per Swap direkt handelbar – ohne den Umweg über den USD. Man darf gespannt sein, in welcher der folgenden Krisen China die USA als Schutzhafen für Liquidität ablösen wird.

20.10.13

Fondsmanager auf die Kloschüssel

In der englischen Financial Times vollbrachte »John Author« eine sprachliche Meisterleistung, als er einen Artikel mit »Pull closet indexing out of the closet« betitelte. Das ist sogar auf deutsch mehrdeutig, wie der gewählte Titel dieses Eintrags zeigt.

»Remember ... buy back in September« so endet eine Börsenweisheit, die mit »Sell in May« beginnt.  Diesem Paradigma folgen insbesondere Privatanleger. Entsprechend groß ist im Herbst das Interesse an Hinweisen, wo man in Zeiten wie diesen seinen Schotter bis zum nächsten Mai abladen kann.

Die Medien bedienen diese Nachfrage auf ihre Weise. In Zeiten immer knapperer Budgets für eigene Recherchen überfluten PR-Pamphleten der Investmentgesellschaften den Markt. Fundierte Informationen haben seltenheitswert. Deshalb hat mich der Beitrag in der FT gefreut, im dem »John Author« versucht, Klartext zu schreiben.

Ein »closet« bezeichnet sowohl die Toilette als auch die Besenkammer, als Verb kann man es mit  »verdeckt« übersetzen. Eine fachgerechte Übersetzung lautet folglich: »Entferne verdeckte Index-Nachbilder aus dem Depot«

Der Termicus Technicus »closet indexing« beschreibt die Nähe aktiv gemanagter Fonds zur Benchmark bzw. zu einem maßgeblichen Index. Diese Produkteigenschaft wird mit der Kennzahl »Active Shares« abgebildet. Wenn ein Fonds beispielsweise den S&P 500 als Messlatte benutzt und bis auf Apple alle 500 Aktien im Depot hält, dann werden dem Fonds fünf »Active Shares« zugeordnet. Apple hat ein Gewicht von fünf Prozent im Index. Der Fonds weicht mit fünf Prozent seines Kapitals von der Indexzusammensetzung ab.

Das Konzept der »Active Shares« wurde von Ökonomen der Yale-University entwickelt. Geht es nach den Initiatoren, dann sind alle aktiven Fonds, die weniger als 60 Prozent des Fondsvermögens außerhalb der Benchmark platzieren, potentielle »closet indexer« (Mir gefällt die Vorstellung eines auf der Toilette sitzenden, zeitungslesenden Fondsmanagers, der dort seine Zeit tot schlägt, anstatt sich um die Kundengelder zu kümmern ...). Ein ETF ist per Definition ein Anlage-Instrument mit Null »Active Shares«. Ein ETF bildet immer einen Index ab und ist nicht von Fehlentscheidungen des Fondsmanagements betroffen.

In Europa hat sich zwar eine bunte ETF-Landschaft gebildet. Diese Entwicklung hat bislang kaum zu Veränderungen bei aktiv gemanagten Fonds geführt. Es dominieren weiterhin sehr indexnahe Fonds. Mehr als 70 Prozent der Publikums-Fonds sind potenzielle »Closet Indexer«. Polen hat mit 81 Prozent die »Pole-Position«. Selbst in Kanada sind 40 Prozent der Investmentfonds sehr Indexnah.


Ganz anders innerhalb der USA. Dort ist die ETF-Industrie dominant. Wer einen aktiven Fonds betreibt, muss sich radikal von jeglicher Benchmark lösen –  und er muss besser sein, als die passiven ETF's. In einem funktionierenden Markt muss dies zu einer Aussortierung nicht zielführender Anlagekonzepte führen.

Tatsächlich hat das Researchunternehmen SCM Private eine Outperformance aktiver Fonds in den USA ermittelt. Die verbliebenen Fonds entwickeln sich erstens besser, als die gewählte Benchmark. Zweitens steigt die Outperformance mit dem Anteil der »Active Shares«.

Europa tickt anders. In England verzeichnen nur 24 Prozent der aktiv gemanagten Fonds mehr als 70 »Active Shares«. Bei den meisten dieser Fonds fressen die Fees die erzielte Outpermance komplett auf. Auf der anderen Seite konnten nur 12 Prozent der Fonds mit weniger als 50 »Active Shares« ihre Benchmark nach Kosten schlagen.

Das ewige Messen der Fondsmanager am Verhalten des Gesamtmarkts hat die gesamte Branche verändert. Anders, als die Börsenlegenden des 20. Jahrhunderts, die sich intensiv mit möglichen Basiswerten auseinandersetzten, dann zum Kauf schritten und die Werte mental ihr Eigen nannten, prägt heute das Denken in »Über-« und »Untergewichten« die Debatte. Jeder versucht, durch indexnahes investieren möglichst wenig Angriffsfläche für kritische Fragen zu liefern. Es ist kein Nimbus, Verluste einzufahren, wenn es allen so geht. Ein toller Hecht ist jemand, der zum rechten Zeitpunkt eine große spekulative Wette erfolgreich platziert und sich damit sehr kurzfristig von der Hammelherde absetzt. Danach heisst es sofort: Zurück ins Glied (und ab auf die Kloschüssel).


Vor der Finanzkrise haben diverse Hedge-Fonds versucht, sich durch radikal andere Investmentmethoden von der oben aufgezeigten Entwicklung abzukoppeln. Das ging total in die Hose. Erstens weil die Marktturbolenzen bei vielen Fonds für herbe Verluste sorgten und es in der Folge zu großflächigen Mittelabflüssen kam. Zweitens weil findige Marketingexperten sofort Benchmarkindizes für Hedgefonds aufstellten. Damit waren auch die Hedgefonds-Manager wieder auf der Kloschüssel gelandet.

Trotz der negativen Auswirkungen auf die Erträge ist die Praxis der Fondsgesellschaften absolut nachvollziehbar und eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Aktiv gemanagte Fonds, die sehr von der Norm abweichen, werden von potenziellen Anlegern als besonders riskant wahrgenommen. In Zeiten, wo jede Tagesbewegung des nationalen Aktienmarktindex in den Industriestaaten ausführlich einem Millionenpublikum vor oder in den Abendnachrichten präsentiert wird, wird jede Abweichung der eigenen Investments von der Norm als Zufall interpretiert. Erträge aus derartigen Investments werden mental Lotteriegewinnen gleichgesetzt. Sobald Verluste auftreten, zieht man sofort die Reissleine, was auf der Ebene des Fondsmanagements fast unweigerlich weitere Verluste des Fonds katalysiert.

Wenn es hingegen gut läuft, überschwemmt der Markt den Fonds solange mit frischem Geld, bis sich die Performance wieder der Benchmark annähert.
Es scheint eine typisch menschliche Eigenschaft zu sein, mit dem Finger auf Aussenseiter zu zeigen und sich genüßlich an deren Versagen zu ergötzen. Internetforen sind voll mit hämischen Beiträgen über Fonds, deren Performance negativ von der Norm abweicht. Im Ergebnis machen dann alle das Gleiche. Alle freuen sich gemeinsam über Erträge, alle trauern gemeinsam, wenn es mal nicht so gut läuft. Genauso wie im Fußballstadion.

Kleines Fazit: Nur wer den Mut hat, die ausgetretenen Wege zu verlassen, hat eine Chance auf nachhaltig positiv abweichende Erträge.

25.07.13

Fluch und Segen der Dividende

Dividendenausschüttungen sind ein Mittel, um ein Unternehmen attraktiv erscheinen zu lassen und Aktionäre langfristig zu binden. Der Aktionär erhält jährliche Erträge, die seinem Konto direkt gut geschrieben werden, egal wie sich der Aktienkurs selbst entwickelt.

Ein nicht naiver Kleinanleger legt nicht »alle Eier in den gleichen Korb«, spich: er diversifiziert. Hierbei wird er von der Fondsindustrie unterstützt. Es gibt diverse Fonds und ETF's, die unterschiedliche Dividendenstrategien implementieren.

Das hat Folgen. Dies möchte ich am Beispiel unseres Depotwerts, der RR Donnelley, kurz skizzieren.

 Auf der Webseite stellt sich das Unternehmen wie folgt vor:

    RR Donnelley (RRD) ist einer der weltgrößten und modernsten Anbieter von
    Druck- und Kommunikationsdienstleistungen, zu dessen Kunden Verlage,
    Versandhäuser, Einzelhändler, Hersteller, Telekommunikations- und
    Technologieunternehmen, Finanzdienstleister und viele andere
    Unternehmen zählen. Mit unserem einmaligen Serviceangebot verhelfen wir
    unseren Kunden zu einer besseren Erreichbarkeit ihrer Kunden.
und weiter
    RR Donnelley ist Eigentümer und Betreiber hochmoderner Offsetdruckwerke
    in Großbritannien und Polen sowie Digitaldruck- und
    Direktwerbungseinrichtungen in Ungarn, Belgien, Frankreich und den
    Niederlanden. Darüber hinaus verfügen wir über Premedia
    Technologies-Studios in Warschau (Polen) und Moskau (Russland) und
    Vertriebsniederlassungen quer über den europäischen Kontinent. Der
    zentrale Standort unserer wichtigsten Druck- und Endbearbeitungsanlagen
    gewährleistet jederzeit zeitgerechte Lieferungen und einfachen Zugang
    zu allen Teilen Europas.

Das Unternehmen schüttet pro Quartal 26ct aus, das entspricht aktuell (Kurs: $15,65) einer  Dividendenrendite von 6,65 Prozent.


Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie und die Dividendenzahlungen. Obwohl der Aktienpreis im Zeitraum Sommer 2011 bis zum Jahreswechsel 2012/13 um 70 Prozent gesunken ist, hat das Unternehmen stoisch die Dividendenzahlungen fortgeführt.

Ein Blick auf die Aktionärsstruktur zeigt, dass das Unternehmen kaum eine andere Chance hatte.


Die RR Donnelley ist quasi im Besitz von Fonds, die sich auf Dividendenstrategien spezialisiert haben. Selbst Gerüchte, dass das Unternehmen die Dividende kürzen oder gar auszusetzen wird, können unmittelbar zu einem Exodus der Fonds führen.

Man könnte diese Konstellation auch als wirksame Kontrolle der Anteilseigner über das Management des Unternehmens werten. Fondsmanager, die sich eine Dividendenstrategie auf die Fahnen geschrieben haben, fordern vom Management des Unternehmens aktiv die Wahrung ihrer Interessen. Dem Management und den Mitarbeiter kann die strikte Ausrichtung auf eine hohe Dividendenausschüttung große Opfer abverlangen und deshalb ein wahrer Fluch sein.

Aus Anlegersicht ist diese Konstellation nicht uninteressant. Schließlich kann man sich darauf verlassen, dass das Unternehmen im Sinne der Aktionäre handelt und nur in wirklich größter Not die Dividendenzahlungen reduziert. Dividendenstarke Aktien mit einer hohen Quote an instututionellen Anlegern, die offensichtlich eine Dividendenstrategie verfolgen, empfehlen sich somit als Kandidaten für eine detaillierte Prüfung, insbesondere wenn die Charttechnik auch positiv ist.

15.07.13

Australische und indische Notenbankpolitik

So - nach einigen internen Aufräumarbeiten komme ich hoffentlich wieder regelmäßig dazu, hier meine Tagesgedanken niederzuschreiben.

Die Morgenlektüre des hier in Stuttgart herrlichen 16. Juli bestand im Wesentlichen aus zwei Meldungen bezüglich aktueller Notenbankentscheidungen.

Zum einen hat die australische Notenbank den Leitzins auf dem historischen Low belassen. Die Notenbank will den Leitzins noch ein wenig länger auf diesem Niveau belassen. Im Gegensatz zu  früheren Äußerungen ist aber offenbar keine weitere Zinsenkung mehr geplant.

Interessant ist die Einschätzung, dass die Minenaktivitäten in Australien ihren vorläufigen Peak gesehen haben und dass man sich auf einen moderaten Rückgang der Rohstoffexporte einstellt. Bad News für Projektentwickler im Rohstoffbereich.  

Zum anderen hat die indische Notenbank sich in die Riege zinsanhebender Notenbanken (Brasilien, Indonesien) eingereiht. Sie hat in einem überraschenden Schritt indirekt die kurzfristigen Zinssätze angehoben. Praktisch wurde die Geldmenge begrenzt, die indische Banken von der indischen Notenbank entleihen dürfen. Für kurzfristige Enleihungen müssen Banken üblicherweise den Repo-Zinssatz (derzeit 7,25%) zahlen und entsprechendes Collateral stellen. Indische Banken müssen einen Strafzins in Höhe von 3% zahlen, wenn sie eine von der Zentralbank festgelegte Kreditsumme überschreiten.

Mit dieser Maßnahme will die Notenbank Spekulationen gegen die Rupie eindämmen. Offenbar war es in der Vergangenheit für Geschäftsbanken zu interessant, sich Geld zu  Repo-Kondition zu leihen und dies sofort gegen USD zu tauschen. Solange die Rupie sich stärker abschwächt, als der Repo-Zinssatz, ist man auf der sicheren Seite. Nun muss die Rupie um mehr als 10,5% pro Jahr gegenüber dem USD abwerten, damit man einen Gewinn macht. Die Rupie wertete konsequenterweise sofort nach Bekanntwerden der Notenbankentscheidung auf.

Man schätzt, dass die Renditen am kurzen Ende in Indien durch diesen Schritt um1,0 bis 1,5% ansteigen werden. Indien ist damit wieder auf dem Weg zu einer inversen Zinsstrukturkurve.

Kleines Fazit: Die jüngsten beschwichtigenden Äußerungen der Notenbankchefs einiger Industrieländer sind offenbar reines Sommertheater. »Behind the Scene« wird überall an einer Straffung der Geldpolitik gearbeitet. Ich habe den Eindruck, dass man sich derzeit hauptsächlich damit beschäftigt, dies so schonend zu kommunzieren, dass keine Marktturbolenzen auftreten. Höchstwahrscheinlich wird dies bis zum Herbst auch gelingen.

28.05.13

Cov-lite Bonds: Neue Normalität oder Warnsignal?

Wer sich Geld leiht, muss seine Gläubiger überzeugen, dass er letzlich fähig ist, den Kredit zurück zu zahlen (Ausnahme: Man ist Zentralbank eines Industriestaats).
Üblicherweise verlangen die Gläubiger die Einhaltung von Anleihekriterien, sog. »Covenants«.

Rohstoffunternehmen garantieren in den Anleihebedingungen eine Absicherung der Förderung gegenüber Preisverwerfungen durch den Verkauf einer entsprechenden Menge an Futures. Dies ist eine der Hauptursachen für die niedrigen Rohstoffpreise derzeit.

Es ist üblich, dass sich die Unternehmen in den »Covenats« verpflichten, ihren Verschuldungsgrad unterhalb einer vereinbarten Schwelle zu halten oder im Falle eines wirtschaftlichen Abschwungs Maßnahmen zu ergreifen, die Anleihe-Gläubiger besser stellen, als beispielweise Angestellte oder gar Aktionäre.

Als Gegenleistung erhalten die Unternehmen einen günstigen Kreditzins.

Neben diesen besicherten Anleihen existiert eine stark expandierende Klasse ungesicherter Papiere. Es wird entweder vollständig oder weitgehend auf »Covenants« verzichtet. Daher der Name »Cov-lite«.

Ein Gläubiger eines »Cov-lite-Bonds« vertraut dem Management vollständig. Er lässt den Entscheidungsträgern die freie Wahl der Maßnahmen, die das Unternehmen letztlich in die Lage versetzen, den Kredit zurück zu zahlen. Logisch wäre es, dieses Privileg nur erstklassig bewerteten Unternehmen mit einem exzellenten Management zu gewähren.

Bis 2007 funktionierte der Markt tatsächlich nach dieser Logig. Im gesamten Jahr 2007 wurde ein Emissionsvolumen von 97 Mrd. $ erzielt.

In den ersten vier Monaten 2013 wurden bereits Anleihen im Volumen von 129 Mrd. $ platziert! (nach 22 Mrd. $ in den ersten vier Monaten des Jahres 2012.)
Und – es gelingt auch Unternehmen mit einem fragwürdigem Rating »Cov-lite«-Anleihen zu platzieren.

Immucor ist ein Unternehmen, das sich mit Blut-Transfusionen beschäftigt. Es wurde 2011 von TPG, einem Hedge-Fonds, übernommen. Die findigen Hedge-Fonds-Manager machten sich flugs dran, »Covenant-Stripping« zu betreiben, also Altanleihen mit umfangreichen Convenants durch neue Cov-lite-Bonds zu ersetzen.
Da werden doch Erinnerungen an die Exzesse vor 2008 wach!

Es passt in die Realität des Jahres 2013, dass man sich hauptsächlich eine Frage stellt: Was passiert mit den Cov-lite-Bonds, wenn die Notenbanken ihre ultraleichte Geldpolitik aufgeben und das Zinsniveau großflächig ansteigt? Wer ist in diesem Falle bereit, für die gebotenen Minizinsen die vermutlich dann unkalkulierbaren Risiken zu tragen?

Das Anleihegläubiger zugunsten einer nur marginal höheren Rendite substanzielle Rechte aufgeben, ist nicht neu. In der Vergangenheit konnte ein renditehungiger Anleger auf Genußscheine, Wandel- oder Hybridanleihen ausweichen. Die höhere Rendite war aufgrund der Anleihe-Eigenschaft nicht in Stein gemeißelt sondern vom Unternehmensergebnis abhängig. Wegen der reformierten Eigenkapitalvorschriften sind die traditionellen Hybridkapitalanleihen nicht merh attraktiv.

Investoren, die sich in der Vergangenheit am Hybridkapitalmarkt bedient haben, müssen sich umorientieren. Wegen der Finanziellen Repression sind auch »normale« Anleihezeichner gezwungen, größere Risiken einzugehen. Das Interesse für »Cov-lite« ist deshalb nicht überraschend. Genauso wenig würde es überraschen, wenn das Vertrauen Investitionen in diese Assetklasse bereits in naher Zukunft »auf Herz und Nieren« getestet werden würde. Entweder durch eine größere Anzahl von Ausfällen oder weil die gesamte Assetklasse einer schmmerzhaften Neubewertung unterzogen wird.

14.05.13

Regulierung des OTC-Marktes

Der-Over-The-Counter-Handel mit Wertpapieren und Derivaten gilt als eine Schwachstelle der Finanzmärkte, als eine Ursache für unvorhersehbare Preis-Peaks und Börsencrashes. Deshalb haben die Regulierungsbehörden diesem unregulierten Marktsegment den Kampf angesagt. In den USA ist dieses Bemühen mit dem Namen »Dodd-Frank« verbunden und institutionalisiert. Ziel ist es, die OTC-Produkte in börsengehandelte Kontrakte umzuwandeln und so dieses Segment auszutrocknen.

Am 16. Mai wird die »US Commodity Futures Trading Commission« die Bedingungen für den Handel von bisher als OTC gehandelten Swaps an der neu eingerichteten »swaps execution facilities« beschließen. Seit mehr als drei Jahren streitet man darüber, wieviel Transparenz überhaupt möglich ist. Die zentrale Frage ist dabei: Kann die Hedge-Fonds-Industrie weiter exisiteren, wenn sie ihre Handelsinstrumente und Trades offenlegen muss?

OTC-Geschäfte spielen sich – obwohl das Volumen riesig ist – häufig in illiquiden Marktnischen ab. Für die geplante »Sefs« war ursprünglich folgendes Prozedere angedacht: Eine Handelsanfrage wird an den Marktplatz gesandt. Dort wird diese anonymisiert und an fünf ausgewählte Banken als potentielle Kontrahenten weitergeleitet. Der beste Preis erhält den Zuschlag. Das Problem: Alle fünf Banken wissen wie viele Anfragen für ein bestimmtes Produkt vorliegen und können hieraus auf Strategien der Hedge-Fonds schließen. Auch wenn sie nicht den Zuschlag bekommen haben, können sie diese Informationen gewinnbringend nutzen und – das ist die Angst der Hedge-Fonds – in engen Märkten die möglichen Profits vernichten.

Die Hedge-Fonds haben sich hier durchgesetzt: Die CFTC schlägt nun vor, in einer einjährigen Testphase die Anfrage nur an zwei willkürlich ausgewählte Banken weiterzuleiten.

Eine Episode am Rande zeigt auf, wie notwendig die Regulierung des OTC-Marktes ist. Die CFTC hat an alle größeren Handelspartner an den Rohstoffmärkten umfangreiche Fragebögen gesandt, in denen nach den Praktiken und Volumina von sog. »exchanges of futures for swaps« gefragt wird. An den Futureshandelsplätzen für Rohstoffe wurden Positionsobergrenzen eingeführt, um Marktmanipulationen vorzubeugen. Es ist in den USA nicht gestattet, Futures-Kontrakte außerhalb der offiziellen Börsenplätze zu handeln.

Die CFTF unterstellt den Händlern nun, diese Regulierung durch die o.g. OTC-Kontrakte umgangen zu haben. Das Geschäft wurde zur Verschleierung der tatsächlichen Intention in zwei Teilen abgewickelt. Zuerst einigten sich zwei Händler in einer privaten OTC-Vereinbarung (ein informelles Telefonat) auf einen Swap, der die Preisentwicklung eines Rohstoffs wiederspiegelt. (In einem Swap-Geschäft verspricht der Swap-Partner dem Initiator eine Performance eines Underlyings. Keiner der Beteiligten muss hierfür das Underlying besitzen.) In dieser speziellen Swap-Konstruktion handelt der Swap-Partner unmittelbar nach dem OTC-Geschäft auf eigene Rechnung am (geregelten) Futures-Markt. Die CFTC unterstellt den Handelspartnern, damit die Positionsgrößenbestimmungen umgangen zu haben.
Das Volumen der »exchange of futures for swaps«-Kontrakte soll einige Milliarden US-dollar betragen. Entsprechend hoch könnten die Strafzahlungen ausfallen.

16.04.13

Soros, Reinhard und Renditen für Staatsanleihen

Im aktuellen Spiegel (Nr. 15/2013) kommentiert Carmen Reinhard, die Co-Autorin des Buchs »This time is different« (Rogoff/Reinhard) das derzeitige ökonomische Umfeld. Der Fokus liegt auf der expansiven Geldpolitik der Notenbanken der Industrieländer.

Reinhard führt aus, dass Zentralbanken erst in den 1970er Jahren unabhängig geworden sind, als diese nämlich teilweise gegen den Willen der Politik die Inflationsbekämpfung erzwangen. Die folgende Phase wird auch »Monetarismus« genannt – und ist offenbar abgeschlossen. Nach Reinhard schwingt das Pendel mit der Finanz- und Solvenzkrise wieder zurück. Weltweit exekutieren die Notenbanken den Willen der jeweiligen Regierung. Das gilt natürlich auch für die EZB. Hier ist nur die Frage, wer gerade das Sagen hat.

Danke, Frau Reinhard. Dieses Statement ist Wasser auf meinen Mühlen. Da der Einfluß der deutschen Regierung wegen der Bundestagswahl im Herbst immer schwächer wird, dürfte sich die EZB den Vorstellungen Frankreichs und Italiens annähern. Unter diesem Aspekt macht die jüngste PR-Aktion von George Soros wieder Sinn. Er hatte in der vergangenen Woche weiträumig seine Forderung nach der Einführung von Euro-Bonds gestreut – und damit natürlich zunächst überall Kopfschütteln geerntet. Sollte der Einfluß der Mittelmeeranrainer im Jahresverlauf stärker werden, und sich in Berlin ein Machtwechsel andeuten, dürfte diese Diskussion erneut mit Vehemenz einsetzen. Der »Fuchs Soros« hätte sich in diesem Fall bereits sehr frühzeitig öffentlich zu seiner Investmentstrategie bekannt und könnte nicht mehr so leicht als böse Heuschrecke bloßgestellt werden.

Im weiteren Verlauf des Interviews legt Frau Reinhard den Finger in die offene Wunde der Zentralbanken: Finanzielle Repression (also die künstliche Absenkung der Renditen für Staatsanleihen) hilft den überschuldeten Staaten, indem sie kurzfristig die Kosten für bereits angehäufelten Schulden begrenzt. Solange die Summe der Verbindlichkeiten jedoch wächst, ist die Finanzielle Repression schlicht eine Methode, Zeit für eine mögliche Lösung zu kaufen. »Wenn die Zentralbanken anfangen, Schulden zu kaufen, werden sie irgendwo auf diesem Weg Inflation produzieren. Das ist sicher. Das gilt selbst für Japan!« Dann: »Die Geschichte lehrt, dass Staaten selten aus den Schulden herauswachsen. Sie brauchen eine Kombination aus Austerität und hoher Besteuerung. Das ist am Ende eine subtile Form der Besteuerung.«

In der Konsequenz zahlen alle, die mittelbar oder direkt Staatsanleihen halten, die Zeche. Das sind konservative Sparer, alle Mitbürger mit Rentenversicherungen und alle, die in die Rentenkasse einzahlen. In Europa sind die Versicherungen nach dem Crash der Jahre 2003/3 gezwungen worden, den Großteil der Einlagen in Staatsanleihen anzulegen. Damals war von finanzieller Repression noch nicht die Rede. Jetzt ist dies für die Staaten natürlich eine willkommene Unterstützung - schließlich ist der Absatz der Staatsanleihen bei fast jedem Renditeniveau gesichert.
Wie das Beispiel Japan gerade zeigt, kann die Regierung sich jede noch so sinnlose (geldpolitische) Maßnahme ausdenken – die Versicherungen sind gezwungen, in jeden sauren Apfel zu beißen und dies durch die Abnahme niedrig verzinster Staatstitel zu adeln. In England ist die Notenbank bereits so weit, dass die Renditen der GILT's wegen fehlendem Volumen am Zweitmarkt immer weiter sinken. Vielleicht drückt die Erwartung einer ähnlichen Entwicklung in Frankreich und Italien die Renditen in diesen beiden Ländern bereits heute.

Auch wenn die Renditen für Staatsanleihen global auf Allzeittiefständen notieren, ist es derzeit absurd, auf eine kurzfristige Trendumkehr zu setzen. Dafür muss man schon George Soros heißen und öffentlich die Emission von Euro-Bonds fordern. Das wäre ein klassischer Tipping-Point, der eine neue Ära für Staatsanleiherenditen einläuten könnte.

30.03.13

Virtualisierung mit Xen unter Ubuntu

Bei mir hat sich inzwischen ein kleiner Zoo an Computern angesammelt, mit dem unterschiedliche Dinge getan werden.

Es gibt einen Clone der Handelsrechner, der bei Ausfällen als Reserve vorgehalten wird, einen internen Mail- und Git-Server, eine Test-Umgebung für Rails und schließlich die Produktionskiste.
Im Zuge der personellen Expansion (als virtuelles Unternehmen), wird ein von außen zugänglicher Server mit der Datenbank und der Latex-Umgebung für die Erstellung der Marktberichte (und zukünftig des Börsenbriefes) immer wichtiger.

Sicher - man kann all dies bei Amazon mieten. Die Frage ist, ob es zielführend ist, sich komplett diesem Giganten auszuliefern und seine geschäftlichen Aktivitäten hiervon abhängig zu machen.
Da im KabelBW-Internetpaket eine feste IP enthalten ist, steht einer Inhouse-Lösung nichts im Wege.

Xen Installieren
Als Hardware ist eine aktuelle Xenon E4-Kiste von Q-E-D auserkoren. Die Basisumgebung ist der Ubuntu Server in der Version 12.10.
Bei der Einrichtung des LVM-Filesystems wird auf der 500 GB-SSD-HD ein Bereich von 75 GB für die Dom0-Verwaltungsdomäne vorgesehen. Der Rest ist für die Xen-Rechner verfügbar.
Es wird zunächst das Basissystem mit Openssh-Server installiert.

Nach dem ersten Start wird mit ifconfig die zugewiesene Addresse ermittelt und dann vom Produktivsystem aus die weitere Konfiguration durchgeführt:
ssh 172.28.50.117
The authenticity of host '172.28.50.117 (172.28.50.117)' can't be established.
ECDSA key fingerprint is 80:50:b0:a8:9c:d1:a1:5f:82:31:39:fa:df:fb:eb:4e.
Are you sure you want to continue connecting (yes/no)? yes
Warning: Permanently added '172.28.50.117' (ECDSA) to the list of known hosts.
topo@172.28.50.117's password:
Welcome to Ubuntu 12.10 (GNU/Linux 3.5.0-17-generic x86_64)

 * Documentation:  https://help.ubuntu.com/

  System information as of Sat Mar 30 08:53:29 CET 2013

  System load:  0.0               Processes:           121
  Usage of /:   2.9% of 37.38GB   Users logged in:     1
  Memory usage: 0%                IP address for p1p1: 172.28.50.117
  Swap usage:   0%

  Graph this data and manage this system at https://landscape.canonical.com/

72 packages can be updated.
36 updates are security updates.

Last login: Sat Mar 30 08:49:51 2013
topo@alpha:~$
Zunächst aktualisieren wir das System und installieren Xen:
sudo su
[sudo] password for topo:
root@alpha:/home/topo# apt-get update ; apt-get upgrade
 root@alpha:/home/topo# apt-get install xen-hypervisor-amd64
Dann muss Grub gesagt werden, dass ab nun der Xen-Kernel gebootet werden soll.
Der steht an dritter Stelle im Grub-Menue. Also
 root@alpha:/home/topo# vi /etc/default/grub
und dort GRUB_DEFAULT auf »2« setzen (mit sed -i 's/GRUB_DEFAULT=.*\+/GRUB_DEFAULT=2/' /etc/default/grub gehts auch).
Abschließen mit
 root@alpha:/home/topo# update-grub
Die Xen-Installation wird mit dem Setzen des Toostacks abgeschlossen:
root@alpha:/home/topo#  sed -i 's/TOOLSTACK=.*\+/TOOLSTACK="xm"/' /etc/default/xen
root@alpha:/home/topo# reboot
 Jetzt testen wir, ob Xen läuft (weiter alles als root):
xm list
 Name                                        ID   Mem VCPUs      State   Time(s)
Domain-0                                     0 32077     8     r-----     11.7
So far - so good.

Netzwerk
Die Interfaces werden wie folgt angepasst:
vi /etc/network/interfaces
 # The loopback network interface
auto lo
iface lo inet loopback

auto xenbr0
iface xenbr0 inet dhcp
    bridge_ports p1p1

# The primary network interface
auto p1p1
iface p1p1 inet manual
 Anschließend das Netzwerk neu starten:
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/networking restart
ifconfig zeigt jetzt die Präsenz einer »xenbr0«-Bridge, über welche die Kommunikation mit den Xen-Rechnern abgewickelt wird. Weitere Informationen erhalten wir mit
root@alpha:/home/topo# brctl show
bridge name    bridge id        STP enabled    interfaces
xenbr0        8000.d43d7e325d3e    no        p1p1
Rechner aufsetzen
Zuerst muss Platz für die virtuellen Maschinen reserviert werden.
Für den ersten Testrechner reservieren wir 20 GB:
root@alpha:/home/topo# pvs
  PV         VG    Fmt  Attr PSize   PFree 
  /dev/sda5  alpha lvm2 a--  476,70g 406,86g
root@alpha:/home/topo# lvcreate -L 20G -n ubuntu-test /dev/alpha
  Logical volume "ubuntu-test" created
Nun kopieren wir ein ISO-Image des Betriebssystems auf den Server:
root@alpha:/home/topo# mkdir -p /var/lib/xen/images/ubuntu
topo@hfx:~/Downloads$ scp ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso 172.28.50.117:~
root@alpha:/home/topo# mv ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso /var/lib/xen/images/ubuntu
Es ist an der Zeit, eine graphische Umgebung zu installieren, damit wir ggf. auch dort arbeiten können und uns mittels »ssh-Y« einloggen und anschließend den X11-Output entfernt darstellen können:
root@alpha:/home/topo# apt-get install awesome gnome-terminal vncviewer xinit
»startx &« startet erwartungsgemäß einen sauberen awesome-Desktop (Achtung: Als ROOT, also aufpassen!) .

Aufgrund eines Konfigurationsfehlers sind die Keymaps nicht richtig verlinkt.
Deshalb muss ein symbolischer Link von
 /usr/share/qemu-linaro/qemu  nach /usr/share/qemu
angelegt werden (ich mache das im Zweifel im »mc«).

Abschließend wird eine Konfigurationsdatei für die Erzeugung des Rechners erstellt:
root@alpha:/home/topo# vi /etc/xen/ubuntu-test.cfg
builder = "hvm"
name = "ubuntu-test"
memory = "1024"
vcpus = 4
vif = ['']
disk = ['phy:/dev/alpha/ubuntu-test,hda,w','file:/var/lib/xen/images/ubuntu/ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso,hdc:cdrom,r']
vnc = 1
boot="dc"
Nach einem Neustart erzeugen wir endlich den Rechner:
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/xendomains start
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/xen start
 * Starting Xen daemons                                                                                        [ OK ]
xm create /etc/xen/ubuntu-test.cfg
 root@alpha:/home/topo# xm create /etc/xen/ubuntu-test.cfg
Using config file "/etc/xen/ubuntu-test.cfg".
Started domain ubuntu-test (id=3)
In einem weiteren Terminal wird (als normaler User)
vncviewer localhost:0
aufgerufen und der Startbildschirm der Ubuntu-Installation erscheint:


Wir haben jetzt einen funktionierenden, virtuellen Rechner, der nach der Installation über vir ssh, vnc, teamviewer usw. erreichbar sein wird.

27.03.13

Das Comeback der Kreditderivate

Gestern (Dienstag, 26.03.) hat die ungarische Notenbank die Leitzinsen ein weiteres Mal gesenkt. In nunmehr acht aufeinanderfolgenden Schritten wurde der Zinssatz auf jetzt fünf Prozent gesenkt. Trotz der massiven Abwertung des Forint, deuten die Inflationsprognosen auf eine Abschwächung der Teuerungsrate hin. Auch die Schwäche der Währung induziert kein Wirtschaftswachstum. Man ist froh, wenn das prognostizierte Wachstum von 0,5 Prozent erreicht wird. Heute Nacht hat die vietnamesische Notenbank die Leitzinsen gesenkt. Noch vor einem Jahr kämpfte das Land gegen eine Inflationsrate von 12,6 Prozent. Diese ist inzwischen auf 6,6 Prozent gesunken. Der Leitzins konnte deshalb von 9 auf 8 Prozent gesenkt werden.

Zinssenkungen in den Emerging Markets kann man profitabel mit Staatsanleihen in lokaler Währung begleiten.
Die Zinsentwicklung in den Industrieländern zeichnet die immer weiter ausufernde finanzielle Repression nach.
Die britische, japanische und US-amerikanische Notenbank exekutieren ihre unlimitierten QE-Programme und fluten die Kapitalmärkte mit Überschußliquidität.

In Japan hat der neue Notenbankchef Kuroda gestern eine Ausweitung des Ankaufprogramms für Staatsanleihen angekündigt. Auch die BOJ erhöht die Duration ihres Anleiheportfolios, indem sie verstärkt Staatsanleihen mit längerer Restlaufzeit auf dem Sekundärmarkt aufkauft. Japanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit weisen eine Rendite von 0,5 Prozent pro Jahr auf.

Gleichzeitig notiert der deutsche Bund-Future auf einem AllTimeHigh, und die Umlaufrendite in Deutschland beträgt 1,07 Prozent.

An den Rentenmärkten vollzieht sich eine klassische Blasenbildung. Es ist völlig unlogisch, in Staatsanleihen zu invesitieren, die weniger als ein Prozent Zinsen abwerfen, wenn die Inflationsrate doppelt so hoch ist. Solange die Renditen munter weiter fallen, ist es trotzdem profitabel.

Auf einen mit Vollgas fahrenden Zug aufzuspringen ist nicht meine Sache. Es geht glücklicherweise auch anders. Erinnern wir uns: Was war die ursprüngliche Intention der FED bei der Auflage des ersten QE-Programms? Es sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine preiswerte Kreditvergabe an Unternehmen und Privatpersonen sicherstellen. Dieses Ziel verfolgen seitdem alle QE-Programme. In den USA stellt die FED zusätzlich das weitere Funktionieren des Marktes für öffentliche Anleihen sicher, mit denen die Kommunen den Ausbau und die Reparatur der öffentlichen Infrastruktur finanzieren.

Seit Auflage des unlimitierten Ankaufs von US-Staatsanleihen (QE4) im Dezember 2012 erwirbt die FED monatlich, zusätzlich zu den 45 Mrd. $, mit denen Langläufer ge- und Kurzläufer verkauft werden, für 40 Mrd. $ verbriefte Immobilienkredite.
Die Folge: Der Immobilienmarkt hat sich wieder sichtbar belebt – der Handel mit Immobilienkrediten auch.

Investmentvehikel, die bis zum Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes 2007 exzellente Erträge erwirtschaftet haben, sind auch jetzt wieder ertragreich.


Eines dieser Vehikel ist die Chimera (CIM). Die Gesellschaft ist ein REIT (Real Estate Investment Trust), der sich auf den Handel mit verbrieften Kreditderivaten spezialisiert hat. Das Ziel des Managements ist, eine attraktive Dividende zu erwirtschaften. Die Dividende beträgt derzeit 14,5 Prozent pro Jahr. Kurssteigerungen der Aktie sind nebensächlich, in Zeiten wie diesen aber möglich. Seit Auflage von QE4 ist der Aktienwert um 20 Prozent gestiegen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die öffentliche Wahrnehmung eigentlich der gesamten Gattung der Mortgage-REIT's. Sobald in dem Anlageportfolio Begriffe wie CDO, ABS oder CBMS auftauchen, klingeln offenbar die Alarmglocken des Jahres 2007 wieder auf. Schaut man beispielsweise bei Seeking Alpha nach Beiträgen, dann wird kein gutes Haar am Geschäftsgebahren dieser Unternehmen gelassen. Die hohen Dividendenrenditen sind suspekt, die Management-Fees und auch die beteiligten Personen werden durchweg negativ dargestellt.

Trotzdem performen die Werte gut. Privatanleger, die sich üblicherweise im Internet mit Informationen über interessante Investmentoppurtunitäten versorgen, dürften deshalb kaum für die gute Performance der letzten Zeit verantwortlich sein. Erst wenn diese auf den Zug aufspringen, ist es an der Zeit, über ein Exit nachzudenken.

30.01.13

Tobin Steuer

Es werden immer mehr Details über die geplante paneuropäische Finanztransaktionssteuer bekannt. Die FT berichtet heute über eine Studie der EU, nach der ein jährliches Steueraufkommen von 35 Mrd. € anvisiert wird.

Das ist natürlich eine Hausnummer. Wenn man das Ganze zu Ende durchdenkt, wirkt die Steuer wie eine allgemeine Abgabe auf Unternehmensgewinne von börsennotierten Unternehmen. Ob dies das Ziel dieser Maßnahme ist?

Der Hintergrund: Die Abgabe soll als Quellensteuer auf alle Aktien-, Anleihe- und Derivatetransaktionen erhoben werden. Um auf die anvisierte Summe zu kommen, muss eine Abgabe von 0,1% des Handelswerts bei Aktien und Anleihen sowie 0,01% bei Derivaten erhoben werden. Der Aktienhandel verteuert sich für Direktbankkunden (Kleinanleger) um ca. 40% (z. Bsp. ING-DiBa: Orderkosten derzeit 0,25% des Handelswerts, zukünftig 0,35%). Institutionelle Kunden sind mit weitaus größeren Kostensteigerungen konfrontiert, da ihre üblichen Orderkosten erheblich geringer sind.

Die Hürden für Vermeidungsstrategien legt die EU-Kommission unter Algidiras Semeta bereits in diesem frühen Stadium der Planung recht hoch. Alle Finanzinstitute, die für europäische Kunden tätig werden, müssen alle Transaktionen besteuern, egal wo der Sitz des Finanzinstituts ist, egal welcher Handelsplatz benutzt wird. Alle Transaktionen, die an europäischen Handelsplätzen stattfinden, unterliegen der Finanztransaktionssteuer, unabhängig vom Standort des Handelnden.

Wer diese Steuer umgehen will, der muss sich also erstens völlig aus dem europäischen Kapitalmarkt zurück ziehen und muss zweitens seinen Sitz rechtzeitig ins außereuropäische Ausland verlegen. Drittens darf man keine Kundenbeziehungen nach Europa pflegen.

Kaum vorstellbar, dass dies vielen gelingt. Folglich wird die Steuer eine Lenkungsfunktion haben. Wie die Einführung der Abgeltungssteuer der Todesstoß für die Zertifikate-Branche war, wird sich die Finanzindustrie ab 2015 auf Produkte konzentrieren, die nur wenig Tobin-Steuer produzieren. Man muss sich wohl auf eine Zunahme von nicht öffentlich überwachten Handelsplätzen und eine Umdefinition der gesamten Finanzdienstleistungsbranche gefasst machen.

21.01.13

Renditeanstieg am Rentenmarkt

Nach überstandener Jahresauftakterkältung werfe ich heute einen tagesaktuellen Blick auf die Rentenmärkte.
Bereits in den ersten beiden Ausgaben der Wochenberichte (1/13 und 2/13) wurde das Thema unter der Überschrift »Risk-ON-Modus für Rentenmärkte« behandelt.
Damals war der Kursrückgang bei den Futures für US-Staatsanleihen mit 30 Jahren Restlaufzeit, der die ersten Handelstage des neuen Jahres prägte, Ausgangspunkt der Diskussion. Es stand die Vermutung im Raum, dass die FED ihr aktuelles QE-Programm viel früher beenden wird, als allgemein erwartet.

Als risikooptimiertes Engagement wurde eine Short-Position im australischen Rentenfuture identifiziert. Der dortige Markt ist nicht repressiv verzerrt und sollte sich deshalb »am Normalsten« verhalten. Die Notierungen deutscher und US-Staatsanleihen werden hingegen durch diverse Notenbankaktivitäten verzerrt. Entwicklungen sind deshalb nur schwer prognostizierbar.

Das könnte sich jedoch ändern.
Im folgenden Chart des Bund-Futures (Tages-Kerzen) sieht man schön die Top-Bildung zum Jahreswechsel.  Als blaue Linie ist der Kursverlauf des Bobl-Futures eingezeichnet. Man erkennt einen gleichförmigen Verlauf.  Die Renditedifferenz dt. Staatsanleihen mit 5 und 10 Jahren Laufzeit ist also konstant.



Ändert man die Zeitachse, dann lässt sich eine neue Entwicklung erkennen:


Eine Kerze entspricht nun einer Stunde. Insgesamt wird die Kursentwicklung der vergangenen 14 Tage dargestellt.

Der Bobl-Future bildet bis zum 16. Januar den Verlauf des Bund-Futures quasi 1:1 ab. Der Kursrückgang am 17. Januar endete beim Bund-Future auf dem Kursniveau des 14. Januar. Der Bobl-Future hat hingegen ein neues Verlaufstief im Abwärtstrend ausgebildet. Sehr interessant ist auch, dass die Divergenz der Kursverläufe sich im Zuge der jüngsten Erholung noch verstärkte.

Damit zeichnet sich eine überraschende Entwicklung ab: Bei kurzlaufenden Staatsanleihen steigen die Renditen stärker, als bei Langläufern. (Die Zinsstrukturkurve hebt sich am kurzen Ende.) Die Mini-Zinsen für dt. Staatsanleihen werden als Risiko empfunden und die Anlageform gemieden.

Dies könnte der Sargnagel für den gesamten Rentenmarkt sein. Viele haben sich an Notierungen von 140% und mehr für deutsche Staatsanleihen mit einem Kupon von 6% und 10 Jahren Laufzeit (Definition Bund-Future) gewöhnt. Ein Blick nach Australien klärt den Blick: Die dortigen Anleihen notieren bei identischen Konditionen bei 97%.


29.12.12

Konsequenzen aus dem Nearshoring

In England hängt jeder dritte Arbeitsplatz direkt oder indirekt von den Finanzdienstleistungen der »City« (of London) ab. Noch zur Jahrtausendwende konkurrierten Städte wie Birmingham, Bristol und Bournemouth erfolglos mit asiatischen Metropolen wie Bangalore und Hyderabad um Arbeitsplätze im Back-und Middle-Office und in Call-Centern. Offshoring war damals der Trend.
 
Diese Rivalität existiert auch heute noch, der Wind hat jedoch gedreht. Arbeitsplätze namhafter, internationaler Investmentbanken und Versicherungen wie Bank of America, JP Morgan und Deutsche Bank werden jetzt bevorzugt in umliegende Städte und Gemeinden verlegt. Die Ausgliederung von Geschäftsprozessen ins nähere Umland wird als Nearshoring bezeichnet. 

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in England. Wohl auch, weil wohl nirgends in Europa, die Gegensätze so »krass« sind. Nur wenige Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen Londons sind Gehälter bis zu 40% niedriger; Immobilien kosten oft nur die Hälfte; Verkehrsverbindungen sind exzellent. »Young Potentials« aus umliegenden Universitäten wird »ein roter Teppich« für eine Familiengründung ausgerollt. »Wir glauben, wir haben wahrscheinlich die großzügigste Aus- und Weiterbildungsförderung für die Schaffung von Arbeitsplätzen überall in Großbritannien«, so ein walisischer Politiker einer mittelgroßen Stadt und Förderer des Nearshoring-Trends.

Sie haben eigentlich auch kaum eine andere Chance. Acht der britischen 10 größten Finanzinstitute haben nach Angaben der Financial Times nach dem Beihnahzusammenbruch des britischen Banksystems 2008 in großem Stil Dienstleistungen ins Ausland ausgegliedert.
Jüngstes Beispiel für den Trendwechsel ist die Royal Bank of Scotland, die fast 300 Arbeitsplätze von der City of London nach Manchester verlagert hat. Es ist geplant, weitere 100 in den nächsten 12 bis 18 Monate folgen zu lassen. Die Bank of New York Mellon, die bereits 2005 einen Großteil ihrer globalen Transaktionen nach Manchester ausgegliedert hat, beschäftigt dort heute mehr als 1.000 Mitarbeiter in Back-Office-Funktionen. Die Bank beschreibt Manchester, zusammen mit Pune, Indien und Pittsburgh in den USA, als eine seiner »drei Globalen Wachstumszentren«.

Stellt dieser »Trend« für den asiatischen Arbeitsmarkt eine Gefahr dar? Schließlich waren es die europäischen Unternehmen der Finanzdienstleistungs- und IT-branche, die an die Fähigkeiten des asiatischen Arbeitsmarktes glaubten und vor gut einer Dekade ganze Geschäftsprozesse in asiatische Dienstleistungsunternehmen auslagerten. Oder ist die Eigendynamik in den asiatischen Wirtschaftszentren inzwischen groß genug, um diese Abwanderung zu kompensieren? In diesem Falle wäre Offshoring eine (erfolgreiche) kapitalistische Form der Entwicklungshilfe, die jetzt ausläuft. 

Die Dienstleistungsbranchen in den Industrieländern profitieren zwar von dieser Entwicklung. Ob sich hieraus Investment-Gelegenheiten ableiten, muss jedoch bezweifelt werden. Schließlich entstehen keine hochwertigen Arbeitsplätze, die hohe Erträge erwarten lassen. Statt dessen entwickelt sich eine Dienstleistungsbranche, die sich durch niedrige Löhne, geringe Deckungsbeiträge und folglich (bei einer Börsennotierung) wenig attraktiven Dividendenrenditen »auszeichnet«. 
So ist diese Entwicklung eher symptomatisch für einen gefährlichen Trend in den heutigen Industrieländern. Auf der einen Seite entstehen wenige qualifizierte (margenstarke) Arbeitsplätze. Dominant ist dagegen der Aufbau von vielen »einfachen« Arbeitsplätzen, die  wenig Wachstumsdynamik versprechen.

10.12.12

AGWM (Angry Gray White Man)

In dem Wochenbericht → 46/12 vom 17.11 bin ich auf den Ausgang der US-Wahl und die gerade unter den konservativen weißen (und weisshaarigen) Männern verbreitete Enttäuschung über die Wiederwahl des verhassten »Liberalen« Obama eingegangen.

Die AGWM bilden die überwiegende Mehrheit der Aktienbesitzer in den USA. Ihre Altersvorsorge ist klassischerweise kapitalmarktorientiert. Sie verlassen sich wenig auf staatliche Sozialsysteme und sind über deren Entwicklung nach europäischem Vorbild entsetzt.

In einer ersten Trotzreaktion veräußerten die enttäuschten Wähler ihre Aktienbestände – was zu einem kurzfristigen Sell-Off an den Aktienmärkten führte. Insbesondere bei für die Altersvorsorge gut geeigneten Aktien mit hohen und konstanten Dividendenausschüttungen entstand ein erheblicher Verkaufsdruck mit entsprechend großen Abschlägen. Im → Martkbericht 46/12 
hatte ich in diesem Zusammenhang auf den Preisverfall des »Alpine Global Dynamic Dividend Fund« (Kürzel: AGD) hingewiesen.

In den letzten Wochen haben sich die Aktienmärkte von diesen Abgaben weitgehend erholt. Hier der Preisverlauf des S&P 500-ETF:

Haben die AGWM nun ihren Fehler eingesehen und sich mit den Rahmenunständen arrangiert?

Vermutlich nicht.

Die Verkaufszahlen für »American-Eagles«, Goldmünzen, die auch als offizielles Zahlungsmittel gelten, sind im November förmlich explodiert. Auch die kanadische Münzanstalt meldet Rekordabsätze für »Marple Leaf's«. Im November wurden allein US-Goldmünzen im Wert von 230 Millionen US-Dollar abgesetzt (136.500 Unzen).

Die Goldkäufe der verärgerten US-Kleinanleger stehen im Kontrast zum Verhalten der institutionellen Anleger. Die haben in den letzten Wochen nämlich ihre Engagements abgebaut. Auch die Gold-Nachfrage in Asien ist wegen der Abwertung einiger lokaler Währungen (z.b. ind. Rupie) gefallen.

Die Trotzreaktion unserer AGWM könnte sich als teures Unterfangen und strategisches Fehlinvestment entpuppen. Die erworbenen Goldmünzen sind bereits im Wert gefallen. Wären die Kleininvestoren einfach in ihren Positionen geblieben, könnten sie nach heutigem Stand einen versöhnlichen Jahresausklang erlebt. Nun stehen sie ohne werthaltige Investments, dafür aber mit einem Berg schön anzuschauender Goldmünzen da.

07.12.12

Aktienpreise steigen – aber warum nur? (Teil 2)

Anfang Oktober beleuchtete ich in einem Tagebucheintrag den damals für viele räselhaften Preisanstieg, hauptsächlich an den US-Aktienmärkten.

Als preistreibende Komponente identifizierte ich damals die unattraktiven Anleihenrenditen, die Investoren scharenweise in die Fänge der risikobehafteten Aktienmärkte treiben.

In einem Marktkommentar hat HSBC heute den Renditeverlauf deutscher Staatsanleihen mit 10 Jahren Restlaufzeit seit Juli 2009 abgebildet: Anfang Oktober betrug die Rendite 1,6 Prozent. Derzeit erzielen diese Anleihen eine Rendite von etwas mehr als 1,3 Prozent pro Jahr. Seit Oktober ist die Rendite also um fast 0,3 Prozent gefallen. Fast identische Entwicklungen sind in England, Japan und den USA zu beobachten.

Deshalb überrascht die aktuell freundliche Tendenz an den Aktienmärkten zum Jahresausklang wenig.

Interessant ist jedoch die Entwicklung des US-Aktienmarkts, wo immer klarer wird, dass die automatischen Steuererhöhungen (Fiscal Cliff) ab Januar 2013 kaum vermieden werden können. Die US-Parlamentarier haben noch eine Woche Zeit sich irgendwie zu einigen, bevor in Washington die Weihnachtsferien beginnen. 

Präsident Obama und die in der letzten Wahl siegreichen Demokraten treiben die Republikaner derzeit regelrecht vor sich her. Frei nach dem Motto »Nach dem Wahlkampf ist vor dem Wahlkampf« wurden sogar die Wahlkampftruppen zur Unterstützung der Position der Demokraten reanimiert. 
Die Erfolge bleiben nicht aus. Immer mehr »Hardliner«, die ohne Gesichtsverlust unmöglich einem Kompromiss zustimmen können, verlassen die politische Bühne. Zuletzt strich selbst der selbsternannte »Tea Party Senator« "Jim DeMint" aus South Carolina die Segel. Er gibt sein Kongressmandat auf und zieht sich in den konservativen Think-Tank »Heritage Foundation« zurück.
Die Stimmung unter den verbliebenen Republikaneren fasste Bobby Jindal aus Louisiana so zusammen:
“At present, any reading of the headlines over the past week indicates that Republicans are fighting to protect the rich and cut benefits for seniors. It may be possible to have worse political positioning than that, but I’m not sure how.”

Wie ein in die Ecke getriebenes Tier könnten die verbliebenen Republikaner den politischen Suizid einem wie auch immer gearteten Kompromiss vorziehen und die USA ins »Fiscal Cliff« stürzen lassen.  

Diese Gemengelage reflektiert der Aktienpreisverlauf der letzten Wochen.
Hier ein Jahres-Chart des S&P-500-ETF (weiss) und des Stoxx-50-ETF(blau), beides in USD.

Entsprechend der weiter gesunkener Renditen für Anleihen steigen die Aktienpreise in Europa seit einigen Wochen wieder. In den USA dämpft die Sorge um die Auswirkungen des »Fiscal Cliffs« diesen Prozess. Sobald hier Klarheit herrscht, dürften die US-Aktienindizes den europäischen in ihrem Preisverhalten folgen.

Grundsätzlich ist das im Oktober entworfene Szenario zur »Erklärung« steigender Aktienpreisnotierungen also weiterhin intakt.


01.12.12

Ein Hoch auf die Finanzmarktregulierung

Am 21. Juli 2010 unterzeichnete Obama den Dodd–Frank Act zur Regulierung der Finanzmärkte. Hiermit will die Politik Lehren aus der Finanzkrise seit 2007 ziehen. Insbesondere den ungeregelten »Over the Counter« (OTC) -Handel hat die US-Finanzmarktaufsicht bei der Umsetzung der Bestimmungen im Blick.

Was von vielen Marktteilnehmern als Beschneidung ihres Handelsuniversums begriffen wird, öffnet uns möglicherweise neue, profitable Handlungsfelder.


Es geht um Großes: Allein der außerbörsliche Swap-Markt umfasst weltweit ein Volumen von 650 Billionen USD. Die Idee ist, ein zentrales Register aufzubauen, in das die Swaps eingetragen werden. Wenn dieses Register öffentlichen Zugang bietet, was die Intention des Dodd-Frank-Acts ist, lassen sich hierdurch wertvolle Informationen über die Gedankengänge in den Handelsabteilungen institutioneller Marktteilnehmer gewinnen. 


Die Daten werden primär für die Finanzmarktregulierung aufbereitet. Aufbauend auf den Auswertungen des COT-Report für Futures können zukünftig wesentlich detailliertere Sentiment-Auswertungen angefertigt werden. Erstmals vermögen die erhobenen Sentiment-Daten die Positionierung der professionellen Marktteilnehmer in ihrer Gesamtheit zeitnah abzubilden.

Welche Vorteile bieten in diesem Marktumfeld überhaupt noch OTC-Swaps gegenüber Futures ? Einen einzigen: Swaps können individuell zugeschnitten, alles andere kann auch über Futures abgebildet werden.

Das sehen offenbar institutionelle Marktteilnehmer, allen voran Rohstoffhändler, wie Vitol und Trafigura, und Energiemakler (z. B. Tullett Prebon und ICAP) auch so. Allen gemeinsam ist, dass sie jüngst Dependancen in Singapur eröffnet oder erweitert haben. Fakt ist: Zwischen Januar und November 2011 sind die Umsätze in lokalen Rohstoff-Futures um 28 Prozent gestiegen. Möglicherweise ist bald am Futures-Markt eine kritische Masse erreicht, ab dem man auf OTC-Geschäfte weitgehend verzichten kann, da sich die gewünschten Risikoprofile auch liquide mit Futures abbilden lassen. Dieser Prozess wird intern bereits als »Ablöten des OTC-Swap Marktes« bezeichnet.


Eine weitere Entwicklung zielt auf die gleiche Kerbe:
»Block Futures Trades« sind, wie oben ausgeführt, in vielen Fällen ein Pendant zu Swaps. Die CME Group, die größte US-Terminbörse, bietet an, bestehende OTC-Swaps, in »Block Futures« umzuwandeln und so die unbequeme Swaps-Regulierung zu umgehen.

Es scheint, als ob die US-Finanzmarktaufsicht mit ihren Bestrebungen, den Derivatemarkt transparenter zu gestalten, voran kommt, trotz der unermüdlichen Lobbyarbeit der auf Verschwiegenheit erpichten großen Spieler am Markt. Die Regulierung des OTC-Handels nimmt dieser Branche ihre Exklusivität. Plötzlich können auch »Normalsterbliche«, wie wir, die ehemals exklusiven Trading-Setups implementieren.