30.03.13

Virtualisierung mit Xen unter Ubuntu

Bei mir hat sich inzwischen ein kleiner Zoo an Computern angesammelt, mit dem unterschiedliche Dinge getan werden.

Es gibt einen Clone der Handelsrechner, der bei Ausfällen als Reserve vorgehalten wird, einen internen Mail- und Git-Server, eine Test-Umgebung für Rails und schließlich die Produktionskiste.
Im Zuge der personellen Expansion (als virtuelles Unternehmen), wird ein von außen zugänglicher Server mit der Datenbank und der Latex-Umgebung für die Erstellung der Marktberichte (und zukünftig des Börsenbriefes) immer wichtiger.

Sicher - man kann all dies bei Amazon mieten. Die Frage ist, ob es zielführend ist, sich komplett diesem Giganten auszuliefern und seine geschäftlichen Aktivitäten hiervon abhängig zu machen.
Da im KabelBW-Internetpaket eine feste IP enthalten ist, steht einer Inhouse-Lösung nichts im Wege.

Xen Installieren
Als Hardware ist eine aktuelle Xenon E4-Kiste von Q-E-D auserkoren. Die Basisumgebung ist der Ubuntu Server in der Version 12.10.
Bei der Einrichtung des LVM-Filesystems wird auf der 500 GB-SSD-HD ein Bereich von 75 GB für die Dom0-Verwaltungsdomäne vorgesehen. Der Rest ist für die Xen-Rechner verfügbar.
Es wird zunächst das Basissystem mit Openssh-Server installiert.

Nach dem ersten Start wird mit ifconfig die zugewiesene Addresse ermittelt und dann vom Produktivsystem aus die weitere Konfiguration durchgeführt:
ssh 172.28.50.117
The authenticity of host '172.28.50.117 (172.28.50.117)' can't be established.
ECDSA key fingerprint is 80:50:b0:a8:9c:d1:a1:5f:82:31:39:fa:df:fb:eb:4e.
Are you sure you want to continue connecting (yes/no)? yes
Warning: Permanently added '172.28.50.117' (ECDSA) to the list of known hosts.
topo@172.28.50.117's password:
Welcome to Ubuntu 12.10 (GNU/Linux 3.5.0-17-generic x86_64)

 * Documentation:  https://help.ubuntu.com/

  System information as of Sat Mar 30 08:53:29 CET 2013

  System load:  0.0               Processes:           121
  Usage of /:   2.9% of 37.38GB   Users logged in:     1
  Memory usage: 0%                IP address for p1p1: 172.28.50.117
  Swap usage:   0%

  Graph this data and manage this system at https://landscape.canonical.com/

72 packages can be updated.
36 updates are security updates.

Last login: Sat Mar 30 08:49:51 2013
topo@alpha:~$
Zunächst aktualisieren wir das System und installieren Xen:
sudo su
[sudo] password for topo:
root@alpha:/home/topo# apt-get update ; apt-get upgrade
 root@alpha:/home/topo# apt-get install xen-hypervisor-amd64
Dann muss Grub gesagt werden, dass ab nun der Xen-Kernel gebootet werden soll.
Der steht an dritter Stelle im Grub-Menue. Also
 root@alpha:/home/topo# vi /etc/default/grub
und dort GRUB_DEFAULT auf »2« setzen (mit sed -i 's/GRUB_DEFAULT=.*\+/GRUB_DEFAULT=2/' /etc/default/grub gehts auch).
Abschließen mit
 root@alpha:/home/topo# update-grub
Die Xen-Installation wird mit dem Setzen des Toostacks abgeschlossen:
root@alpha:/home/topo#  sed -i 's/TOOLSTACK=.*\+/TOOLSTACK="xm"/' /etc/default/xen
root@alpha:/home/topo# reboot
 Jetzt testen wir, ob Xen läuft (weiter alles als root):
xm list
 Name                                        ID   Mem VCPUs      State   Time(s)
Domain-0                                     0 32077     8     r-----     11.7
So far - so good.

Netzwerk
Die Interfaces werden wie folgt angepasst:
vi /etc/network/interfaces
 # The loopback network interface
auto lo
iface lo inet loopback

auto xenbr0
iface xenbr0 inet dhcp
    bridge_ports p1p1

# The primary network interface
auto p1p1
iface p1p1 inet manual
 Anschließend das Netzwerk neu starten:
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/networking restart
ifconfig zeigt jetzt die Präsenz einer »xenbr0«-Bridge, über welche die Kommunikation mit den Xen-Rechnern abgewickelt wird. Weitere Informationen erhalten wir mit
root@alpha:/home/topo# brctl show
bridge name    bridge id        STP enabled    interfaces
xenbr0        8000.d43d7e325d3e    no        p1p1
Rechner aufsetzen
Zuerst muss Platz für die virtuellen Maschinen reserviert werden.
Für den ersten Testrechner reservieren wir 20 GB:
root@alpha:/home/topo# pvs
  PV         VG    Fmt  Attr PSize   PFree 
  /dev/sda5  alpha lvm2 a--  476,70g 406,86g
root@alpha:/home/topo# lvcreate -L 20G -n ubuntu-test /dev/alpha
  Logical volume "ubuntu-test" created
Nun kopieren wir ein ISO-Image des Betriebssystems auf den Server:
root@alpha:/home/topo# mkdir -p /var/lib/xen/images/ubuntu
topo@hfx:~/Downloads$ scp ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso 172.28.50.117:~
root@alpha:/home/topo# mv ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso /var/lib/xen/images/ubuntu
Es ist an der Zeit, eine graphische Umgebung zu installieren, damit wir ggf. auch dort arbeiten können und uns mittels »ssh-Y« einloggen und anschließend den X11-Output entfernt darstellen können:
root@alpha:/home/topo# apt-get install awesome gnome-terminal vncviewer xinit
»startx &« startet erwartungsgemäß einen sauberen awesome-Desktop (Achtung: Als ROOT, also aufpassen!) .

Aufgrund eines Konfigurationsfehlers sind die Keymaps nicht richtig verlinkt.
Deshalb muss ein symbolischer Link von
 /usr/share/qemu-linaro/qemu  nach /usr/share/qemu
angelegt werden (ich mache das im Zweifel im »mc«).

Abschließend wird eine Konfigurationsdatei für die Erzeugung des Rechners erstellt:
root@alpha:/home/topo# vi /etc/xen/ubuntu-test.cfg
builder = "hvm"
name = "ubuntu-test"
memory = "1024"
vcpus = 4
vif = ['']
disk = ['phy:/dev/alpha/ubuntu-test,hda,w','file:/var/lib/xen/images/ubuntu/ubuntu-12.10-desktop-amd64.iso,hdc:cdrom,r']
vnc = 1
boot="dc"
Nach einem Neustart erzeugen wir endlich den Rechner:
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/xendomains start
root@alpha:/home/topo# /etc/init.d/xen start
 * Starting Xen daemons                                                                                        [ OK ]
xm create /etc/xen/ubuntu-test.cfg
 root@alpha:/home/topo# xm create /etc/xen/ubuntu-test.cfg
Using config file "/etc/xen/ubuntu-test.cfg".
Started domain ubuntu-test (id=3)
In einem weiteren Terminal wird (als normaler User)
vncviewer localhost:0
aufgerufen und der Startbildschirm der Ubuntu-Installation erscheint:


Wir haben jetzt einen funktionierenden, virtuellen Rechner, der nach der Installation über vir ssh, vnc, teamviewer usw. erreichbar sein wird.

27.03.13

Das Comeback der Kreditderivate

Gestern (Dienstag, 26.03.) hat die ungarische Notenbank die Leitzinsen ein weiteres Mal gesenkt. In nunmehr acht aufeinanderfolgenden Schritten wurde der Zinssatz auf jetzt fünf Prozent gesenkt. Trotz der massiven Abwertung des Forint, deuten die Inflationsprognosen auf eine Abschwächung der Teuerungsrate hin. Auch die Schwäche der Währung induziert kein Wirtschaftswachstum. Man ist froh, wenn das prognostizierte Wachstum von 0,5 Prozent erreicht wird. Heute Nacht hat die vietnamesische Notenbank die Leitzinsen gesenkt. Noch vor einem Jahr kämpfte das Land gegen eine Inflationsrate von 12,6 Prozent. Diese ist inzwischen auf 6,6 Prozent gesunken. Der Leitzins konnte deshalb von 9 auf 8 Prozent gesenkt werden.

Zinssenkungen in den Emerging Markets kann man profitabel mit Staatsanleihen in lokaler Währung begleiten.
Die Zinsentwicklung in den Industrieländern zeichnet die immer weiter ausufernde finanzielle Repression nach.
Die britische, japanische und US-amerikanische Notenbank exekutieren ihre unlimitierten QE-Programme und fluten die Kapitalmärkte mit Überschußliquidität.

In Japan hat der neue Notenbankchef Kuroda gestern eine Ausweitung des Ankaufprogramms für Staatsanleihen angekündigt. Auch die BOJ erhöht die Duration ihres Anleiheportfolios, indem sie verstärkt Staatsanleihen mit längerer Restlaufzeit auf dem Sekundärmarkt aufkauft. Japanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit weisen eine Rendite von 0,5 Prozent pro Jahr auf.

Gleichzeitig notiert der deutsche Bund-Future auf einem AllTimeHigh, und die Umlaufrendite in Deutschland beträgt 1,07 Prozent.

An den Rentenmärkten vollzieht sich eine klassische Blasenbildung. Es ist völlig unlogisch, in Staatsanleihen zu invesitieren, die weniger als ein Prozent Zinsen abwerfen, wenn die Inflationsrate doppelt so hoch ist. Solange die Renditen munter weiter fallen, ist es trotzdem profitabel.

Auf einen mit Vollgas fahrenden Zug aufzuspringen ist nicht meine Sache. Es geht glücklicherweise auch anders. Erinnern wir uns: Was war die ursprüngliche Intention der FED bei der Auflage des ersten QE-Programms? Es sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine preiswerte Kreditvergabe an Unternehmen und Privatpersonen sicherstellen. Dieses Ziel verfolgen seitdem alle QE-Programme. In den USA stellt die FED zusätzlich das weitere Funktionieren des Marktes für öffentliche Anleihen sicher, mit denen die Kommunen den Ausbau und die Reparatur der öffentlichen Infrastruktur finanzieren.

Seit Auflage des unlimitierten Ankaufs von US-Staatsanleihen (QE4) im Dezember 2012 erwirbt die FED monatlich, zusätzlich zu den 45 Mrd. $, mit denen Langläufer ge- und Kurzläufer verkauft werden, für 40 Mrd. $ verbriefte Immobilienkredite.
Die Folge: Der Immobilienmarkt hat sich wieder sichtbar belebt – der Handel mit Immobilienkrediten auch.

Investmentvehikel, die bis zum Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes 2007 exzellente Erträge erwirtschaftet haben, sind auch jetzt wieder ertragreich.


Eines dieser Vehikel ist die Chimera (CIM). Die Gesellschaft ist ein REIT (Real Estate Investment Trust), der sich auf den Handel mit verbrieften Kreditderivaten spezialisiert hat. Das Ziel des Managements ist, eine attraktive Dividende zu erwirtschaften. Die Dividende beträgt derzeit 14,5 Prozent pro Jahr. Kurssteigerungen der Aktie sind nebensächlich, in Zeiten wie diesen aber möglich. Seit Auflage von QE4 ist der Aktienwert um 20 Prozent gestiegen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die öffentliche Wahrnehmung eigentlich der gesamten Gattung der Mortgage-REIT's. Sobald in dem Anlageportfolio Begriffe wie CDO, ABS oder CBMS auftauchen, klingeln offenbar die Alarmglocken des Jahres 2007 wieder auf. Schaut man beispielsweise bei Seeking Alpha nach Beiträgen, dann wird kein gutes Haar am Geschäftsgebahren dieser Unternehmen gelassen. Die hohen Dividendenrenditen sind suspekt, die Management-Fees und auch die beteiligten Personen werden durchweg negativ dargestellt.

Trotzdem performen die Werte gut. Privatanleger, die sich üblicherweise im Internet mit Informationen über interessante Investmentoppurtunitäten versorgen, dürften deshalb kaum für die gute Performance der letzten Zeit verantwortlich sein. Erst wenn diese auf den Zug aufspringen, ist es an der Zeit, über ein Exit nachzudenken.

30.01.13

Tobin Steuer

Es werden immer mehr Details über die geplante paneuropäische Finanztransaktionssteuer bekannt. Die FT berichtet heute über eine Studie der EU, nach der ein jährliches Steueraufkommen von 35 Mrd. € anvisiert wird.

Das ist natürlich eine Hausnummer. Wenn man das Ganze zu Ende durchdenkt, wirkt die Steuer wie eine allgemeine Abgabe auf Unternehmensgewinne von börsennotierten Unternehmen. Ob dies das Ziel dieser Maßnahme ist?

Der Hintergrund: Die Abgabe soll als Quellensteuer auf alle Aktien-, Anleihe- und Derivatetransaktionen erhoben werden. Um auf die anvisierte Summe zu kommen, muss eine Abgabe von 0,1% des Handelswerts bei Aktien und Anleihen sowie 0,01% bei Derivaten erhoben werden. Der Aktienhandel verteuert sich für Direktbankkunden (Kleinanleger) um ca. 40% (z. Bsp. ING-DiBa: Orderkosten derzeit 0,25% des Handelswerts, zukünftig 0,35%). Institutionelle Kunden sind mit weitaus größeren Kostensteigerungen konfrontiert, da ihre üblichen Orderkosten erheblich geringer sind.

Die Hürden für Vermeidungsstrategien legt die EU-Kommission unter Algidiras Semeta bereits in diesem frühen Stadium der Planung recht hoch. Alle Finanzinstitute, die für europäische Kunden tätig werden, müssen alle Transaktionen besteuern, egal wo der Sitz des Finanzinstituts ist, egal welcher Handelsplatz benutzt wird. Alle Transaktionen, die an europäischen Handelsplätzen stattfinden, unterliegen der Finanztransaktionssteuer, unabhängig vom Standort des Handelnden.

Wer diese Steuer umgehen will, der muss sich also erstens völlig aus dem europäischen Kapitalmarkt zurück ziehen und muss zweitens seinen Sitz rechtzeitig ins außereuropäische Ausland verlegen. Drittens darf man keine Kundenbeziehungen nach Europa pflegen.

Kaum vorstellbar, dass dies vielen gelingt. Folglich wird die Steuer eine Lenkungsfunktion haben. Wie die Einführung der Abgeltungssteuer der Todesstoß für die Zertifikate-Branche war, wird sich die Finanzindustrie ab 2015 auf Produkte konzentrieren, die nur wenig Tobin-Steuer produzieren. Man muss sich wohl auf eine Zunahme von nicht öffentlich überwachten Handelsplätzen und eine Umdefinition der gesamten Finanzdienstleistungsbranche gefasst machen.

21.01.13

Renditeanstieg am Rentenmarkt

Nach überstandener Jahresauftakterkältung werfe ich heute einen tagesaktuellen Blick auf die Rentenmärkte.
Bereits in den ersten beiden Ausgaben der Wochenberichte (1/13 und 2/13) wurde das Thema unter der Überschrift »Risk-ON-Modus für Rentenmärkte« behandelt.
Damals war der Kursrückgang bei den Futures für US-Staatsanleihen mit 30 Jahren Restlaufzeit, der die ersten Handelstage des neuen Jahres prägte, Ausgangspunkt der Diskussion. Es stand die Vermutung im Raum, dass die FED ihr aktuelles QE-Programm viel früher beenden wird, als allgemein erwartet.

Als risikooptimiertes Engagement wurde eine Short-Position im australischen Rentenfuture identifiziert. Der dortige Markt ist nicht repressiv verzerrt und sollte sich deshalb »am Normalsten« verhalten. Die Notierungen deutscher und US-Staatsanleihen werden hingegen durch diverse Notenbankaktivitäten verzerrt. Entwicklungen sind deshalb nur schwer prognostizierbar.

Das könnte sich jedoch ändern.
Im folgenden Chart des Bund-Futures (Tages-Kerzen) sieht man schön die Top-Bildung zum Jahreswechsel.  Als blaue Linie ist der Kursverlauf des Bobl-Futures eingezeichnet. Man erkennt einen gleichförmigen Verlauf.  Die Renditedifferenz dt. Staatsanleihen mit 5 und 10 Jahren Laufzeit ist also konstant.



Ändert man die Zeitachse, dann lässt sich eine neue Entwicklung erkennen:


Eine Kerze entspricht nun einer Stunde. Insgesamt wird die Kursentwicklung der vergangenen 14 Tage dargestellt.

Der Bobl-Future bildet bis zum 16. Januar den Verlauf des Bund-Futures quasi 1:1 ab. Der Kursrückgang am 17. Januar endete beim Bund-Future auf dem Kursniveau des 14. Januar. Der Bobl-Future hat hingegen ein neues Verlaufstief im Abwärtstrend ausgebildet. Sehr interessant ist auch, dass die Divergenz der Kursverläufe sich im Zuge der jüngsten Erholung noch verstärkte.

Damit zeichnet sich eine überraschende Entwicklung ab: Bei kurzlaufenden Staatsanleihen steigen die Renditen stärker, als bei Langläufern. (Die Zinsstrukturkurve hebt sich am kurzen Ende.) Die Mini-Zinsen für dt. Staatsanleihen werden als Risiko empfunden und die Anlageform gemieden.

Dies könnte der Sargnagel für den gesamten Rentenmarkt sein. Viele haben sich an Notierungen von 140% und mehr für deutsche Staatsanleihen mit einem Kupon von 6% und 10 Jahren Laufzeit (Definition Bund-Future) gewöhnt. Ein Blick nach Australien klärt den Blick: Die dortigen Anleihen notieren bei identischen Konditionen bei 97%.


29.12.12

Konsequenzen aus dem Nearshoring

In England hängt jeder dritte Arbeitsplatz direkt oder indirekt von den Finanzdienstleistungen der »City« (of London) ab. Noch zur Jahrtausendwende konkurrierten Städte wie Birmingham, Bristol und Bournemouth erfolglos mit asiatischen Metropolen wie Bangalore und Hyderabad um Arbeitsplätze im Back-und Middle-Office und in Call-Centern. Offshoring war damals der Trend.
 
Diese Rivalität existiert auch heute noch, der Wind hat jedoch gedreht. Arbeitsplätze namhafter, internationaler Investmentbanken und Versicherungen wie Bank of America, JP Morgan und Deutsche Bank werden jetzt bevorzugt in umliegende Städte und Gemeinden verlegt. Die Ausgliederung von Geschäftsprozessen ins nähere Umland wird als Nearshoring bezeichnet. 

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in England. Wohl auch, weil wohl nirgends in Europa, die Gegensätze so »krass« sind. Nur wenige Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen Londons sind Gehälter bis zu 40% niedriger; Immobilien kosten oft nur die Hälfte; Verkehrsverbindungen sind exzellent. »Young Potentials« aus umliegenden Universitäten wird »ein roter Teppich« für eine Familiengründung ausgerollt. »Wir glauben, wir haben wahrscheinlich die großzügigste Aus- und Weiterbildungsförderung für die Schaffung von Arbeitsplätzen überall in Großbritannien«, so ein walisischer Politiker einer mittelgroßen Stadt und Förderer des Nearshoring-Trends.

Sie haben eigentlich auch kaum eine andere Chance. Acht der britischen 10 größten Finanzinstitute haben nach Angaben der Financial Times nach dem Beihnahzusammenbruch des britischen Banksystems 2008 in großem Stil Dienstleistungen ins Ausland ausgegliedert.
Jüngstes Beispiel für den Trendwechsel ist die Royal Bank of Scotland, die fast 300 Arbeitsplätze von der City of London nach Manchester verlagert hat. Es ist geplant, weitere 100 in den nächsten 12 bis 18 Monate folgen zu lassen. Die Bank of New York Mellon, die bereits 2005 einen Großteil ihrer globalen Transaktionen nach Manchester ausgegliedert hat, beschäftigt dort heute mehr als 1.000 Mitarbeiter in Back-Office-Funktionen. Die Bank beschreibt Manchester, zusammen mit Pune, Indien und Pittsburgh in den USA, als eine seiner »drei Globalen Wachstumszentren«.

Stellt dieser »Trend« für den asiatischen Arbeitsmarkt eine Gefahr dar? Schließlich waren es die europäischen Unternehmen der Finanzdienstleistungs- und IT-branche, die an die Fähigkeiten des asiatischen Arbeitsmarktes glaubten und vor gut einer Dekade ganze Geschäftsprozesse in asiatische Dienstleistungsunternehmen auslagerten. Oder ist die Eigendynamik in den asiatischen Wirtschaftszentren inzwischen groß genug, um diese Abwanderung zu kompensieren? In diesem Falle wäre Offshoring eine (erfolgreiche) kapitalistische Form der Entwicklungshilfe, die jetzt ausläuft. 

Die Dienstleistungsbranchen in den Industrieländern profitieren zwar von dieser Entwicklung. Ob sich hieraus Investment-Gelegenheiten ableiten, muss jedoch bezweifelt werden. Schließlich entstehen keine hochwertigen Arbeitsplätze, die hohe Erträge erwarten lassen. Statt dessen entwickelt sich eine Dienstleistungsbranche, die sich durch niedrige Löhne, geringe Deckungsbeiträge und folglich (bei einer Börsennotierung) wenig attraktiven Dividendenrenditen »auszeichnet«. 
So ist diese Entwicklung eher symptomatisch für einen gefährlichen Trend in den heutigen Industrieländern. Auf der einen Seite entstehen wenige qualifizierte (margenstarke) Arbeitsplätze. Dominant ist dagegen der Aufbau von vielen »einfachen« Arbeitsplätzen, die  wenig Wachstumsdynamik versprechen.

10.12.12

AGWM (Angry Gray White Man)

In dem Wochenbericht → 46/12 vom 17.11 bin ich auf den Ausgang der US-Wahl und die gerade unter den konservativen weißen (und weisshaarigen) Männern verbreitete Enttäuschung über die Wiederwahl des verhassten »Liberalen« Obama eingegangen.

Die AGWM bilden die überwiegende Mehrheit der Aktienbesitzer in den USA. Ihre Altersvorsorge ist klassischerweise kapitalmarktorientiert. Sie verlassen sich wenig auf staatliche Sozialsysteme und sind über deren Entwicklung nach europäischem Vorbild entsetzt.

In einer ersten Trotzreaktion veräußerten die enttäuschten Wähler ihre Aktienbestände – was zu einem kurzfristigen Sell-Off an den Aktienmärkten führte. Insbesondere bei für die Altersvorsorge gut geeigneten Aktien mit hohen und konstanten Dividendenausschüttungen entstand ein erheblicher Verkaufsdruck mit entsprechend großen Abschlägen. Im → Martkbericht 46/12 
hatte ich in diesem Zusammenhang auf den Preisverfall des »Alpine Global Dynamic Dividend Fund« (Kürzel: AGD) hingewiesen.

In den letzten Wochen haben sich die Aktienmärkte von diesen Abgaben weitgehend erholt. Hier der Preisverlauf des S&P 500-ETF:

Haben die AGWM nun ihren Fehler eingesehen und sich mit den Rahmenunständen arrangiert?

Vermutlich nicht.

Die Verkaufszahlen für »American-Eagles«, Goldmünzen, die auch als offizielles Zahlungsmittel gelten, sind im November förmlich explodiert. Auch die kanadische Münzanstalt meldet Rekordabsätze für »Marple Leaf's«. Im November wurden allein US-Goldmünzen im Wert von 230 Millionen US-Dollar abgesetzt (136.500 Unzen).

Die Goldkäufe der verärgerten US-Kleinanleger stehen im Kontrast zum Verhalten der institutionellen Anleger. Die haben in den letzten Wochen nämlich ihre Engagements abgebaut. Auch die Gold-Nachfrage in Asien ist wegen der Abwertung einiger lokaler Währungen (z.b. ind. Rupie) gefallen.

Die Trotzreaktion unserer AGWM könnte sich als teures Unterfangen und strategisches Fehlinvestment entpuppen. Die erworbenen Goldmünzen sind bereits im Wert gefallen. Wären die Kleininvestoren einfach in ihren Positionen geblieben, könnten sie nach heutigem Stand einen versöhnlichen Jahresausklang erlebt. Nun stehen sie ohne werthaltige Investments, dafür aber mit einem Berg schön anzuschauender Goldmünzen da.

07.12.12

Aktienpreise steigen – aber warum nur? (Teil 2)

Anfang Oktober beleuchtete ich in einem Tagebucheintrag den damals für viele räselhaften Preisanstieg, hauptsächlich an den US-Aktienmärkten.

Als preistreibende Komponente identifizierte ich damals die unattraktiven Anleihenrenditen, die Investoren scharenweise in die Fänge der risikobehafteten Aktienmärkte treiben.

In einem Marktkommentar hat HSBC heute den Renditeverlauf deutscher Staatsanleihen mit 10 Jahren Restlaufzeit seit Juli 2009 abgebildet: Anfang Oktober betrug die Rendite 1,6 Prozent. Derzeit erzielen diese Anleihen eine Rendite von etwas mehr als 1,3 Prozent pro Jahr. Seit Oktober ist die Rendite also um fast 0,3 Prozent gefallen. Fast identische Entwicklungen sind in England, Japan und den USA zu beobachten.

Deshalb überrascht die aktuell freundliche Tendenz an den Aktienmärkten zum Jahresausklang wenig.

Interessant ist jedoch die Entwicklung des US-Aktienmarkts, wo immer klarer wird, dass die automatischen Steuererhöhungen (Fiscal Cliff) ab Januar 2013 kaum vermieden werden können. Die US-Parlamentarier haben noch eine Woche Zeit sich irgendwie zu einigen, bevor in Washington die Weihnachtsferien beginnen. 

Präsident Obama und die in der letzten Wahl siegreichen Demokraten treiben die Republikaner derzeit regelrecht vor sich her. Frei nach dem Motto »Nach dem Wahlkampf ist vor dem Wahlkampf« wurden sogar die Wahlkampftruppen zur Unterstützung der Position der Demokraten reanimiert. 
Die Erfolge bleiben nicht aus. Immer mehr »Hardliner«, die ohne Gesichtsverlust unmöglich einem Kompromiss zustimmen können, verlassen die politische Bühne. Zuletzt strich selbst der selbsternannte »Tea Party Senator« "Jim DeMint" aus South Carolina die Segel. Er gibt sein Kongressmandat auf und zieht sich in den konservativen Think-Tank »Heritage Foundation« zurück.
Die Stimmung unter den verbliebenen Republikaneren fasste Bobby Jindal aus Louisiana so zusammen:
“At present, any reading of the headlines over the past week indicates that Republicans are fighting to protect the rich and cut benefits for seniors. It may be possible to have worse political positioning than that, but I’m not sure how.”

Wie ein in die Ecke getriebenes Tier könnten die verbliebenen Republikaner den politischen Suizid einem wie auch immer gearteten Kompromiss vorziehen und die USA ins »Fiscal Cliff« stürzen lassen.  

Diese Gemengelage reflektiert der Aktienpreisverlauf der letzten Wochen.
Hier ein Jahres-Chart des S&P-500-ETF (weiss) und des Stoxx-50-ETF(blau), beides in USD.

Entsprechend der weiter gesunkener Renditen für Anleihen steigen die Aktienpreise in Europa seit einigen Wochen wieder. In den USA dämpft die Sorge um die Auswirkungen des »Fiscal Cliffs« diesen Prozess. Sobald hier Klarheit herrscht, dürften die US-Aktienindizes den europäischen in ihrem Preisverhalten folgen.

Grundsätzlich ist das im Oktober entworfene Szenario zur »Erklärung« steigender Aktienpreisnotierungen also weiterhin intakt.